Die Reise 2001
Die Rükkehr des Wikingerschiffes Heimløsa Rus nach Finnland im Sommer 2001

Im Jahre 1996 segelte die Heimløsa Rus von Turku in Finnland ab und startete somit ihre Reise durch Europa. Jeden Sommer bestand die Besatzung aus einer neu zusammengesetzten, internationalen Schar, die Verwundering hervorrief, wo sie sich nur zeigte.
Die Besatzung kommt am 24. Juni d.J. im russischen Viborg an, wo das Schiff überwintert hat. Wir stellen fest, dass alles, was sich nur irgend verkaufen lässt, vom Schiff gestohlen ist. U.a. ist die ganze Navigationsausrüstung weg. Vom Werkyeug ist nur noch ein kaputter Hammer übrig. Das Rahsegel, das Takelwerk, die Riemen und alles, was nur auf einem Wikingerschiff zu gebrauchen ist, sind unberührt geblieben.
Für den, der die russischen Verhältnisse kennt, ist dies keine Überraschung. Doch aus Erfahrung weiss ich, dass das Schiff nur seine einfache Takelage und die Riemen benötigt, um seetauglich zu sein. Wir brauchen es nur ins Wasser zu lassen und die Fahrt zu planen. Im Laufe der Jahre haben wir so viel erlebt, dass ein paar russische Diebe uns nicht stoppen können.
Einige russische Wikingerenthusiasten helfen uns, das Schiff in Ordnung zu bringen. Einer von ihnen, ein grosser und starker Kerl, der sich Attila nennt, schenkt uns einen blanken Wikingerhelm aus Stahl, den er selbst hergestellt hat.

Wir lassen das Schiff ins Wasser und "ameisen" es. Das ist eine alte Technik, die bewirkt, dass der leckende Rumpf abgedichtet wird: sowie das Schiff ins Wasser gekommen ist, führt man einen Behälter mit Material von einem Ameisenhaufen unter den Schiffsboden. Dann öffnet man den Behälter, und das Ameisenmaterial wird in die Ritzen eingesogen und dichtet sie ab. Es funktioniert! Das Schiff war bedeutend weniger leck als beim vorigen Start.

Attila (rechts) schenkte uns den eigenhändig angefertigten Kampfhelm, hier vom Unterzeichneten getragen. Im Hintergrund ist die Festung von Viborg zu sehen.

Vor unserer Abreise haben wir noch Zeit für einem geführten Besuch auf der Festung von Viborg. Diese wurde im 13. Jahrhundert von Schweden erbaut und war einst der wichtigste Vorposten des schwedisdchen Reidches nach Osten hin. Die Festung ist jetzt renoviert und für die Allgemeinheit zugänglich. Im Stadtkern von Viborg gibt es manche architektonisch interessanten Bauwerke aus der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg, doch die befinden sich in traurigem Zustand und müssten dringend restauriert werden.

Wir klarieren am 26. Juni aus - nach den üblichen Scherereien mit den Behörden und üblichem "Schmieren", um keinen Lotsen nehmen zu müssen. Die russischen Behörden sollen von einem deutschen Paar, das mit dem Paddelboot unterwegs war, gefordert haben, einen Lotsen zu nehmen und die Lotsengebüren zu bezahlen!
Ein russischen Segelboot begleitet uns; der Rudergänger behauptet, er wisse, wie man aus dem Hafen ausläuft, wir bräuchten ihm nur zu folgen. Doch er weicht vom Fahrwasser ab, wir folgen ihm und stossen auf Grund, und ein Stück vom Steuerriemen bricht ab. Doch wir behalten unsere Manövrierfähigkeit.
Gegen Abend kommen wir zum letzten russischen Vorposten Vysock (Uuras) mit Passkontrolle. Fünf Russen aus unserer Besatzung, die kein finnisches Visum haben, verlassen das Schiff. Nun muss die übrige finnisch-schwedisch-russische Besatzung von zehn Mann die Fahrt zum finnischen Santio in einem Zuge bewältigen, ohne irgendwo an Land gehen zu können. Das ist eine Strecke von knapp 40 Seemeilen über offenes Meer. Glücklicherweise bekommen wir nordwestlichen Wind, wir können die ganze Nacht segeln. Um 2 Uhr morgens legen wir bei der Brücke der finnischen Küstenwache in Santio an. Die Formalitäten sind in wenigen Minuten abgetan.

Meistens gilt es zu rudern, doch manchmal könnenwir das Segel hissen. - Vor der Abfahrt von Viborg nähten wir das Logo des Rusprojektes aufs Segel. Es is ein altfinnisches "Ukkokirves", eine Art Entsprechung zum altskandinavischen Thorshammer. Einige Mythologen sehen in dem Symbol einen umgedrehten Lebensbaum.
Der finnische Schriftsteller Timo Heikkilä behandelt die Mythologie um dieses Symbol in seinem Buch "Ukkokirves".
Nach einigen Stunden Schlaf fahren wir weiter zur Insel Lapuri. Das bedeutet zwei Stunden rudern, denn der Wind hat auf Südwest gedreht. Der Südwestwind ist vorherrschend während des Sommers, wir haben nun also Gegenwind für den Rest der Fahrt.
Ein Besuch dieser unbewohnten Insel, die nür fünf Seemeilen von der russischen Grenze entfernt liegt, ist für uns einfach ein "Muss".
Das Gerücht, ein Bär beherrsche die Insel, schreckt uns nicht ab, an Land zu gehen. Der Sund zwischen Lapuri und dem Festland ist ein uraltes Fahrwasser nach Osten, ausserdem ein Naturhafen, der noch heute angelaufen wird von Schiffen, die Schutz suchen müssen. Der Legende nach liegt ein Wikingerschatz auf der Insel verborgen. Davon angeregt unternahm der Sporttaucher Manu Törönen in den 70er Jahren Untersuchungen im Sund. 1976 fand er das Wrack eines Schiffes, das dann das Vorbild für Heimløsa Rus wurde. Das Wrack liegt immer noch am Meeresboden auf ungefär 4 m Tiefe vor dem nordwestlichen Strand der Insel. Im Laufe der Jahre ist es doch genau aufgenommen und vermessen worden.

Wir gleiten in den Sund zwischen Lapuri und dem Festland. Hier segelten die frühen Seefahrer gen Osten.

Ein historischer Augenblick. Wir gehen an Land auf der Insel Lapuri. Auf dem Meeresboden, ein Steinwurf von uns entfernt, liegt das 1000 Jahre alte Schiffswrack, das Vorbild von Heimløsa Rus.

Dieser Besuch ist einer der Höhepunkte unserer vieljährigen Europareise. Eine tausendjährige Tradition wiederholt sich, als wir in den Sund hineingleiten und am Strand anlegen. 50 m landeinwärts im Wald liegt eine nasse Mulde; da ist wahrscheinlich die Quelle, von der die Sage erzählt und aus der die Seefahrer alter Zeiten ihre Wasservorräte schöpften.
Einen Bären bekamen wir nicht zu Gesicht, wohl aber seine Spuren: Kot und Speisereste in Form von Eierschalen von Seevögeln.
Wir kochen Grütze über offenem Feuer am Strand.
Der Gedanke taucht auf, dass die Heimløsa Rus, allmählich ein altes und strapaziertes Schiff, hier einen ehrwürdigen Ruheplatz, den letzten Hafen, finden könnte, und wir spielen mit der Idee, sie neben ihrem Schwesterschiff zu versenken.
Gegen Abend, als der südwestlische Gegenwind abgenommen hat, rudern wir weiter.
Wir rudern oft des Nachts, wenn der Wind im allgemeinen schwächer ist. Nachts zu rudern ist zwar anstrengend für die Besatzung, da der Tagesrhythmus gesstört ist, doch tagsüber würden wir nicht vorwärts kommen bei dem harten Gegenwind.
Am Donnerstag, den 28. Juni, gegen 3 Uhr morgens laufen wir nach Kotka ein und legen im Gästehafen von Sapokanlahti an. Wir gönnen uns einige Stunden Schlaf und ein Saunabad. Der Tag wird hektisch mit Radio-, Fernseh- und Presseinterviews. Doch Max und Aleks verschwinden um zu fischen, und deren Fang wird unser Mittagessen und reicht noch fürs Salzen und Trocknen. Endlich komme ich dazu, den Steurriemen zu reparieren.
Gegen Abend geht´s weiter, und nachts um 2 Uhr laufen wir in den Naturhafen des südwestlichen Långön ein, das ausserhalb von Pyttis liegt. Der südwestliche Vorsprung der Insel, Båksudden, ist recht hoch. Hier befindet sich eine Markierungsfeuerstelle aus dem 12. Jahrhundert. Die finnische Südküste wird in Snorre Sturlasons Königssagen (11. Jh) "Bålegårdskusten" genannt. Der Name lässt auf ein System von Feuerstätten für die Seefahrt schliessen. Die Feuerstelle, die ich finde, besteht aus einem niedrigen Ring aus Feldsteinen mit einem Durchmesser von ca 4 m. Es ist zu dunkel, um den Platz mit der Kamera wirklich zu dokumentieren. Er ist hoch gelegen, so dass ein Feuer nach Osten hin weit sichtbar wäre für Seefahrer, die an der Küste entlangsegeln. Der ganze Landvorsprung macht im Mondschein einen gespentischen Eindruck mit den grossen eckigen Steinblöcken, die verstreut daliegen. Eine einsame Möwe stört mit ihrem gellen Schrei die stille Nacht und verstärkt den düsteren Eindruck.
Wir bereiten Tee, essen ein wenig und rudern weiter.
Um 6 Uhr morgens, als der Wind gerade wieder aufbrist, kommen wir im Hafen Tallbacka in den Schären vor Lovisa an. Wir hoffen, einen stillen Platz zu finden, um ausruhen zu können, doch hier herrscht den ganzen Tag über lebhafter Verkehr, so dass an Schlaf nicht zu denken ist. Die Besatzung ist müde, einige Leute zeigen Zeichen der Erschöpfung, die nach mehreren Tagen Rudern und Wachen aufzukommen pflegen. Kleine Irritationen rufen grosse Reizbarkeit hervor. Esko Pesonen ist es überdrüssig, Koch zu spielen, und fährt nach Hause. Henri Bergius will noch am Abend mit seiner Freundin nach Spanien fliegen und verlässt uns ebenfalls.
Abends manövrieren wir nach Lovisa hinein. Wir fahren durch enge Sunde und seichte Fahrwasser. Der Steuerriemen stösst gegen einen Stein, und der Schaden von Viborg wiederholt sich.
Am Sonnabend, den 30. Juni, nehmen wir mit der Heimløsa Rus an einem Wettkampf für Boote Typ "alt" teil. Nach einem prächtigen Frühstart mit vollen Segeln liegen wir ganz vorn, doch schon nach einer halben Stunde bilden wir den Schwanz und werden vom Schiedsrichterboot aus der Lovisaer Bucht hinaus und ein Stück westwärts bugsiert! Wir steuern Kabböle an, doch der Gegenwind ist zu stark. In den Schären von Pernå legen wir uns auf der Leeseite eines kleines Inselchens, das auf der Seekarte nicht mit Namen verzeichnet ist, vor Anker, um das Abflauen des Windes abzuwarten. Auf der Seeseite der Insel liegen einige bewohnte Sommerhäusschen. Wir erzählen den Leuten, dass ein Wikingersschiff die Insel eingenommen habe. Sie kommen, um sich die Heimløsa rus anzusehen, und zusammen verbringen wir einen schönen Nachmittag. Wir danken Familie Schauman für die freundliche Aufnahme und den wärmenden Cognac.
Gegen Abend is es wieder Zeit für die Weiterfahrt. Der Wind hat sich gelegt, und wir rudern nach Kabböle, eine angemessene Etappe, um dort eine Kaffeepause in dem neuen Café einzulegen. Erik von Troil, von der Troil Marin AB, schliesst sich für einen Tag der Besatzung an. Um 1 Uhr nachts rudern wir in den Hafen von Bockhamn, einen geschützten Naturhafen. Der ist überfüllt von Booten, Menschen und Mücken. Wir finden gerade noch einen freien, etwas schlammigen Platz und schlängeln uns zum Strand durch.
Der 1. Juli begrüsst uns mit strahlendem Wetter und sdchwachem Wind. Wir können eine lange Tagesetappe zurücklegen. Das Fahrwasser geht allmählich in nördliche Richtung über und auf Sibbo zu. Nun wird endlich mal wieder das Segel gehisst, und so kommen wir nach Kalkstrand, wo wir übernachten. Hier bekommen wir den ersten Regen. Bisher konnten wir jede Nacht unter offenem Himmel auf unseren Elchhäuten an Bord schlafen. Nun kriechen wir am Strand unter einer Persenning zusammen. Am Montagmorgen segeln wir in die Sibbobucht ein. Jetzt wird es Zeit, den Mast umzulegen, um unter den Brücken durchzukommen. Es geht das Sibboflüsschen aufwärts. Wir haben noch einmal die Gelegenheit, einen historischen Besuch abzustatten, und zwar bei den Resten der frühzeitlichen Sibbesborg auf einer kleinen Anhöhe am Flussufer. Der Legende nach wurde die Burg von einem Wikinger namens Sibbe erbaut. Man hat Untersuchungen vorgenommen, die darauf hinweisen, dass Dänen hier im 13. Jahrhundert gebaut haben. Wir stehen auf der Anhöhe und stellen uns den Wasserspiegel 4 m höher vor , wie er im 13. Jh war, und können nur feststellen, das die Burg eine ausgezeichnete strategische Lage an der Flussmündung hatte.

Der Teil der Besatzung, die bis Sibbo durchhielt. Von links: Petri Koivuniemi (Vanda), Patrik Koivusalo (Vasa), Reijo Kallio (Vasa), Teemu Nurmi (Replot), Fredrik Koivusalo (Vanda), Max Pryazhevsky (Smolensk, Russland), Aleks Jatsoun (Weissrussland, heutzutage schwedischer Staatsbürger und wohnhaft in Stockholm). Auf dem Bild fehlt der Fotograf Dick Lindberg, der doch auf einem Foto unten rechts zu finden ist.

7. Unser jüngster Besatzungsmann, der 11-jährige Patrik Koivusalo, der sich nicht scheute, die Riemen anzupacken und volle Einsätze zu rudern.
Dick Lindberg (Helsingfors)

Unser ursprünglicher Plan war, nach Helsinki zu segeln und am östlichen Strand von Degerö anzulegen. Wir hatten beantragt, dort einen kleinen "Altertumshafen" anlegen zu dürfen. Doch kurz vor unserer Rückkehr erfuhr ich, dass das Gesuch abgelehnt worden ist, weshalb wir schnell usere Pläne ändern müssen. Ich weiss, dass man ein Stückchen flussaufwärts, bei der Bootswerft Marino in Söderkulla, Wikingerschiffe willkommen heisst. Das ist nun unser Ziel, das wir gegen Mittag erreichen.
Wir haben sechs anstrengende Tage und Nächte und 140 Seemeilen hinter uns. Die Besatzung hat alles hergegeben und ist müde. Wir leeren das Schiff und ziehen es an Land. An den folgenden Tagen teeren wir es von aussen und innen. Der schwarze Teer, den wir im Frühjahr selbst gebrannt haben, lässt die alternde Heimløsa Rus in frischem Glanz erstrahlen.
Jetzt ist sie verkäuflich.
- Ein Zeitabschnitt des zehnjährigen Rusprojektes is zu Ende. Das Projekt ist auf freiwilliger Basis aufgebaut und durchgeführt worden, ohne öffentliche Beiträge oder Steuermittel.

Vanda 9.7.2001

Fredrik Koivusalo
Kapitän auf der Heimløsa Rus

Übersetzung von Schwedisch (Ehrengard Högnäs)

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